Als Sammelband außer Konkurrenz hat die gemeinsame Arbeit von den Theaterleuten Hannah Maurer und Magdalena Wolf einen Ehrenpreis der Genialität erhalten:

Aus dem Lyrik-Sammelband „INTERTWINED“ zu Corona:

 

Stimmengewirr (Magdalena Wolf,2020)

 

„Neue Fälle!“

„1000 mehr!“

Kein Arzt kommt da mehr hinterher.

„Heute in die Quarantäne“

„Werbeschau und Krisenfond“

Keine Leute, kein Verkehr.

„Yoga als der Weg zum Glück“

Hilfe, nein ich kann nicht mehr.

„Arbeitsauftrag“

„Maturachaos“

Tote dort im Mittelmeer.

 

Massengräber.

 

So viele Worte.

Und trotzdem sind die Köpfe leer.


 

Den dritten Platz in der Kategorie Epik hat Hümeyra Ekiz gewonnen und Platz zwei geht an Clara Vörösmarty. Folgender Text von Linda Bergmaier aus der 1BHLW wurde von der Jury - bestehend aus Mag. Maria Öhlknecht, Mag. Bernadette Gerstl MSc, Mag. Verena Gegendorfer-Falb und HR Dir. Mag. Sabine Hardegger als der Siegertext erkoren:

Vereint in Leben und Tod

Eine Kurzgeschichte von Linda Bergmair, 2020

Wieder einmal stehe ich vor dem Spiegel und starre auf mein Muttermal an der Wange. Es sieht aus wie ein kleiner Stern. Ich lebe in einer Welt, in der jeder Mensch seinen Seelenverwandten finden muss. Man erkennt seinen Seelenverwandten daran, dass der- oder diejenige dasselbe Muttermal an derselben Körperstelle hat wie man selbst.

Frustriert wende ich mich ab und schaue aus dem Fenster. Ich bin bereits 16, alle meine Freunde haben ihre Seelenverwandten schon gefunden, nur ich nicht. Meine Mutter versucht mich ständig zu trösten, sie sagt immer, dass sie ihren Seelenverwandten (meinen Vater) auch erst sehr spät kennengelernt hat. Sie meint, ich soll noch etwas Geduld haben, doch ich will nicht mehr warten, ich will sie endlich kennenlernen. Ich bin davon überzeugt, dass meine Seelenverwandte ein Mädchen ist und da ich bis jetzt noch nie eine beste Freundin hatte, ist sie wohl dazu bestimmt. Sobald ich in der Stadt unterwegs bin, schaue ich jede Person an, die mir begegnet und prüfe, ob sie dasselbe Muttermal auf der rechten Wange hat wie ich. Ich bin stets wachsam, immerhin könnte ich meine Seelenverwandte jeden Moment treffen.

Plötzlich ruft meine Mutter: „Essen ist fertig!“ und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich gehe ins Esszimmer und setze mich an den Tisch. Es gibt Spaghetti mit Tomatensauce. Hungrig beginne ich die Nudeln zu verschlingen, als meine Mutter auf einmal meint: „Hast du schon gehört, in einer Stadt in China ist ein Virus ausgebrochen, sie nennen ihn Coronavirus oder Covid-19. Die Symptome sind Husten, Fieber, Müdigkeit und Atembeschwerden“. „Hoffentlich kommt der Virus nicht nach Europa“, murmle ich gedankenverloren mit vollem Mund. „Das wird schon nicht passieren, China liegt doch so weit weg“, antwortet sie…

1,5 Monate später: Das Coronavirus ist in unserer Stadt angekommen und es wurde eine Ausgangssperre sowie eine Maskenpflicht verordnet.

„Welch eine Ironie“, seufzt meine Mutter. „Vor ungefähr einem Monat war ich noch so überzeugt, dass das Virus nie zu uns kommen wird. So kann man sich täuschen.“ Ich bin einfach nur genervt, die Schule ist geschlossen, aber immerhin habe ich mehr Zeit, auch wenn meine Lehrer regelmäßig Aufgaben schicken. Doch ich kann mich nicht mit meinen Freunden treffen oder nach meiner Seelenverwandten Ausschau halten. Ich bin daheim gefangen und selbst Netflix kann meine Langeweile nicht mehr in Schach halten. Auch wenn ich mit meinen Freunden Video chatte, es ist einfach nicht dasselbe. Vor lauter Langeweile fange ich tatsächlich an, die Zeitungen und die Bücher zu lesen, die seit Jahren in den Regalen verstauben. Ich hasse lesen eigentlich, es gibt nichts Langweiligeres, als auf ein paar Blätter Papier zu starren und Buchstaben zu entziffern, doch momentan ist so gut wie alles interessant.

Eines Nachmittags blättere ich aus purer Langeweile mal wieder durch die Zeitung. Plötzlich bleibt mein Blick an einem Artikel hängen:

 

COVID-19 FORDERT NUN AUCH JUNGE TODESOPFER

Gestern Abend verstarb die 15-jährige Abby in Anwesenheit ihrer Familie im Krankenhaus. Das Mädchen hatte weder Vorerkrankungen noch ein schwaches Immunsystem. Die Ärzte meinen, dass der Krankheitsverlauf in diesem Fall außergewöhnlich stark war. Die Zahl der Todesopfer steigt unaufhörlich…

 

Neben dem Artikel ist ein Bild des verstorbenen Mädchens abgebildet. Ich erstarre, als ich das Bild genauer betrachte. Abby hat auf der rechten Wange ein kleines, sternenförmiges Muttermal, genau wie ich! Sie ist meine Seelenverwandte, endlich habe ich sie gefunden…aber sie ist tot. Wie kann das sein? Mir laufen Tränen über die Wange und ich fühle mich furchtbar. Warum passiert immer mir so etwas? Vor 3 Jahren sind mein Vater und meine Schwester bei einem Autounfall gestorben und nun habe ich auch noch meine Seelenverwandte verloren, ohne sie jemals kennenlernen zu dürfen. Das konnte nicht wahr sein. Ich werde sie nie persönlich kennenlernen, nie mit ihr reden oder lachen…

„Was ist denn los?“, fragt meine Mutter besorgt. „Seit gestern wirkst du so niedergeschlagen und nachdenklich, ist irgendetwas vorgefallen?“. Ich schüttle nur stumm den Kopf und stochere lustlos in meiner Portion Gemüseauflauf herum. Ich habe keinen wirklichen Appetit. Ich zwinge mich dazu ein paar Bissen zu essen, dann stehe ich auf und gehe in mein Zimmer. Ich werfe mich aufs Bett und klappe meinen Laptop auf. Ich habe beschlossen, dass ich so viel wie möglich über Abby herausfinden will, denn auch wenn sie tot ist, ist sie noch immer meine Seelenverwandte. Im Internet finde ich einige Berichte über Abbys Tod, aber keine genaueren Infos. Das wird mir nicht weiterhelfen. Tagelang versuche ich etwas über Abby herauszufinden – erfolglos. Ich muss meine Freunde fragen, ob sie etwas über Abby wissen oder gehört haben. Als Erstes rufe ich Nicole an, doch diese weiß auch nicht mehr als ich. Auch Kathy kann mir nicht weiterhelfen, doch Nita weiß etwas über Abby. Ihre Mutter ist mit Abbys Mutter befreundet und Nita verspricht mir, ihre Mutter auszufragen.

„Also“, meint Nita. „Meine Mutter hat gesagt, dass das Mädchen mit vollem Namen Abby Laura Jones heißt oder besser gesagt hieß. Sie hat 2 Geschwister, einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Ihre Familie lebt in der Silver Avenue 17, ich nehme mal an, dass du sie besuchen willst“.

Nita kennt mich zu gut, nur wenige Minuten später mache ich mich auf den Weg in die Silver Avenue. Ich bin etwas nervös und frage mich, wie Abbys Familie reagieren wird, wenn plötzlich ein fremdes Mädchen vor ihrer Tür steht und behauptet, sie sei die Seelenverwandte ihrer vor kurzem verstorbenen Tochter. Als ich an dem Haus ankomme, halte ich kurz inne. Hinter dem Haus befindet sich ein kleiner Garten, umrandet von einer Mauer, auf der eine Katze schläft. Ich zögere noch einmal kurz, bevor ich klingle. Ein kleines Mädchen öffnet die Tür. „Hallo, ich würde gerne mit deiner Mutter sprechen, ist sie zuhause?“. „Mama, Besuch ist da“, piepst die Kleine mit hoher Stimme. Eine schlanke Frau mit langem, dunklem Haar erscheint hinter dem Mädchen. Sie wirkt sehr streng, doch in ihren Augen kann man den Schmerz sehen, den ihr der Tod ihrer Tochter zugefügt hat. „Was willst du?“, fragt sie mich harsch. „Ich bin wegen Abby hier, ich bin ihre Seelenverwandte“. Während ich das sage, deute ich mit dem Finger auf das sternenförmige Muttermal an meiner Wange. Die Augen der Frau weiten sich, sie starrt mich noch kurz an, dann schlägt sie mir die Tür vor der Nase zu. Verdutzt starre ich auf die Tür, doch dann öffnet sie sich plötzlich wieder. Abbys Mutter schaut mich an, ihre Verlegenheit spiegelt sich in ihren Augen wider. „Komm mit“, meint sie. Schon nach einigen Schritten weiß ich, wo sie mich hinbringt. Sie will mir Abbys Grab zeigen, denn sie geht in die Richtung, in die der Friedhof liegt.

Dort angekommen führt sie mich zu einem Grab abseits aller anderen Gräber. Auf dem Grabstein sind Abbys Name, ihr Geburtsdatum, sowie ihr Todesdatum eingraviert. Stumm stehen Abbys Mutter und ich am Grab. Plötzlich beginnt Abbys Mutter zu reden. Sie erzählt mir alles über Abby und ihre Kindheit, ihre Hobbys und ihren Charakter. Ich lausche fasziniert und sauge die Informationen über meine Seelenverwandte förmlich auf. So lerne ich Abby kennen, ich erfahre vieles über sie. Nach einiger Zeit geht Abbys Mutter einfach, sie lässt mich diese neuen Informationen allein verarbeiten. Sie nickt mir zum Abschied nochmal zu, dann verschwindet sie.

Ich stehe noch eine Weile am Grab und male mir aus, wie es gewesen wäre, wenn Abby noch am Leben wäre. Ich stelle mir vor, wie wir Abenteuer erleben und unsere Zeit miteinander genießen. Ich bin so tief in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerke, dass ein dichter Nebel aufzieht. „Verdammt, ich kann ja kaum meine eigene Hand sehen, ab nach Hause“, denke ich, doch weiter komme ich nicht, denn plötzlich kann ich eine Gestalt im Nebel erkennen, den Umriss eines Mädchens…es ist Abby. Ich weiche zurück, doch sie kommt auf mich zu. „Hab keine Angst“, flüstert sie leise. „Ich tue dir nichts“. „Träume ich?“, hauche ich leise. „Ja, das tust du, nun wach endlich auf!“. Erschrocken von der Heftigkeit ihrer Worte weiche ich zurück. Abby verpasst mir einen Stoß, ich stolpere und…

 

…schrecke auf. Stella, meine Golden Retriever-Hündin steht auf mir und leckt über mein Gesicht. Ich muss eingeschlafen sein, als ich mich eine Weile auf den Liegestuhl im Garten gelegt habe. „Essen!“, ruft meine Mutter. „Ich komme“, antworte ich und stehe auf. Was für ein Traum, die Quarantäne macht mich noch verrückt. „Nun beeil dich“, ruft meine Mutter erneut. „Und vergiss das Händewaschen nicht…“

 

Ende